Waldorfschule - die richtige Schule für mein Kind?

Was spricht dafür, seine Kinder auf eine Waldorfschule zu schicken, was dagegen?

Tilman Wörtz, Vater von zwei Söhnen, machte sich monatelang darüber Gedanken.

Ich interessiere mich nicht für Anthroposophie. Ist es klug, das zuzugeben? Das war die erste Frage, die ich mir vor sechs Jahren stellte, als ich nach einer neuen Schule für meinen älteren Sohn suchte. Er und damit wir Eltern waren unglücklich mit der alten: Seine Lehrerin hatte sehr klare Vorstellungen davon, welches Kind ein „guter“ Schüler ist und welches nicht. Mein Sohn war ihr zu lebhaft. Ich fand Ihre Haltung anmaßend. Sind Lehrer nicht dafür da, die Talente ihrer Schüler zu entdecken und zu fördern? Braucht es dazu nicht Geduld und Wohlwollen? Ich erwog einen Wechsel zum Engelberg und setzte mich mit den Pros und Kontras der Waldorfpädagogik auseinander.

Mit meinen, wohlgemerkt.

Muss ich Anthroposophie gut finden, wenn ich mein Kind auf eine Waldorfschule schicke?

Ich finde es legitim, wenn eine Waldorfschule für zukünftige Anthroposophen da sein will, Meine Frage war: Passt die Schule auch für andere? Würden Sie dort von mir erwarten, dass ich die spirituellen und weltanschaulichen Ansichten Steiners teilte, dann wäre der Engelberg nichts für mein Kind. Nicht, weil ich die Anthroposophie ablehne – laut Rudolf Steiner die „wissenschaftliche Erforschung der geistigen Welt“. Mir ging es damals aber um Pädagogik, nicht um Weltanschauung.

Also bat ich den künftigen Klassenlehrer meines Sohnes um ein Gespräch. Er wollte wissen, wie wir unseren Sohn einschätzten. Wir sagten: Sehr lebhaft bis unruhig, neugierig, durch seine Misserfolge verunsichert. Keine Frage drehte sich um etwas anderes als Pädagogik. Zum Schluss sagte er: Das schaffen wir! Und mit wir meine ich: Wir.“

Diese Haltung wünsche ich mir von einem Lehrer. Bei Elternabenden sprach er durchaus von Steiners Ideen. Er sagte: „Das erkläre ich jetzt Ihnen, aber nicht den Kindern – wir machen das einfach so.“ Es ging auch da fast ausschließlich um Pädagogik. Manchmal allerdings auch weltanschauliche Fragen: Beispielsweise um die Geschichtsphilosophie Steiners, nach der die Frühgeschichte und Antike auf Christi Geburt zuläuft. Ich teile diese Sicht nicht, störe mich aber auch nicht daran. Der Lehrer verdrehte keine Fakten. Mittlerweile verstehe ich mehr von Anthroposophie. Immer noch ist mein Interesse begrenzt. Aber mir gefällt, dass hinter der Überzeugung, mit der die Lehrer auf Geist UND Körper UND Seele der Schülerinnen und Schüler achten, eine Haltung steht. Die Pädagogik soll die Kinder vor allem in ihrer natürlichen Entwicklung fördern, so dass sie ihre Talente fördern und Lebensfreude ausbilden können. Ich hatte keinen Moment das Gefühl, dass mein Sohn auf dem Engelberg zum Anthroposophen gemacht werden soll.

Kommt mein Sohn später in unserer Leistungsgesellschaft zurecht, wenn er auf einer Waldorfschule war?

„Waldorfpädagogik ist ja ganz nett, weil die so viel tanzen und malen. Aber wir leben nun mal in einer Leistungsgesellschaft…“ Diese Skepsis höre ich oft. Ich möchte, wie jeder Vater und jede Mutter, das Beste für mein Kind. Es sollen ihm später alle Möglichkeiten offenstehen. Kommen naturwissenschaftliche Fächer nicht zu kurz? Ich habe recherchiert und erleichtert festgestellt, dass der Notenschnitt bei Waldorfschülern dem von Schülern im Regelschulsystem entspricht – es sind die gleichen Prüfungen für Mittlere Reife, Fachhochschulreife und Abitur. Die Zufriedenheit der Kinder und Jugendlichen mit Schule und Lehrern ist an Waldorfschulen dagegen wesentlich höher, das belegt die Studie „Bildungserfahrungen an Waldorfschulen“ der Uni Düsseldorf. Natürlich gelten diese Ergebnisse nicht für jede Waldorfschule und jede Schulklasse. Es kommt – mehr als im staatlichen Schulsystem – auf die Lehrer an, weil insbesondere dem Klassenlehrer in der Unterstufe eine starke Stellung eingeräumt wird. Meine Frage, ob Waldorfpädagogik etwas taugt in einer Leistungsgesellschaft, beantworte ich heute mit einem klaren Ja.

Ist die Waldorfpädagogik nur was für musische Kinder?

Mit der Anmeldung unseres großen Sohnes stellte sich die Frage, ob wir auch seinen jüngeren Bruder am Engelberg einschulen. Er ist eher ein kleiner Ingenieur. Würden seine naturwissenschaftlichen Talente am Engelberg genügend gefördert? Oder würde er sich langweilen? In den ersten Jahren haben Kinder in Waldorfschulen viel Zeit. Im Rechnen geht es flott, aber beim Schreiben trödeln sie. Wir haben ihn schließlich angemeldet. Und wurden prompt während der ersten Schuljahre ein paar Mal zum Elterngespräch gebeten. Während wir unseren Sohn als ernsthaft, manchmal fast verschlossen erlebten, berichtete seine Klassenlehrerin von einem äußerst lebhaften Bürschchen, der den feinen Unterschied zwischen Pause und Unterricht erst noch lernen müsse. Es klang viel Sympathie für ihn mit. Wir waren überrascht, offenbar testete unser gehorsamer Sohn im Unterricht seine Grenzen aus. Ich erklärte mir das damit, dass er sich in der Klassengemeinschaft wohlfühlt und sich selbst Zeit für seelische Entwicklung gönnt – die intellektuelle Würde dann noch früh genug kommen. Heute denk ich, dass Waldorfpädagogik offen mit Entwicklungsphasen ganz unterschiedlicher Temperamente umgeht. Dass auch rational veranlagte Kinder wichtige Anregungen erhalten – gerade weil sie Seiten ihrer Persönlichkeit entwickeln können, die man vielleicht übersieht, wenn man zu sehr in Schubladen denkt.

Kann ich meinen Kindern den langen Schulweg zumuten?

Zur staatlichen Grundschule hätten unsere Kinder nur zehn Minuten Fußweg. Der Engelberg dagegen liegt zwanzig Kilometer oder eine Dreiviertelstunde mit dem Bus entfernt. Eineinhalb Stunden hin und zurück. Die Jungs müssen sogar einmal umsteigen. Die Schülerinnen und Schüler vom Engelberg kommen aus einem großen Umkreis. Den scheinbaren Nachteil drehen sie recht schnell in einen Vorteil: Sie schließen Freundschaften, fahren direkt von der Schule mit zu Freunden, essen dort und kommen erst abends nach Hause. So war das auch bei meinen Jungs. Ich nehme sie morgens oft im Auto mit bis zur Bushaltestelle, obwohl nicht mal das notwendig wäre aber diese gemeinsamen Minuten sind kostbar. Immer haben sie wichtige Fragen: Wer hat das Geld erfunden? Wieso hören alte Menschen so komische Musik? Ab wann wird Witze machen zum Mobbing? Und dann steigen sie zu ihren Freunden in den Bus.

Müssen Eltern an Waldorfschulen nicht sehr viel ehrenamtlich arbeiten?

Ich helfe gerne mal bei einer Feier mit, mein Beruf lässt aber eine häufige und intensive Mitarbeit nicht zu. Wer sein Kind auf eine Waldorfschule schicken will, wird zuerst Mitglied im Verein der Schule und ist damit Miteigentümer und – mitverantwortlich. Bei den regelmäßigen Elternabenden geht es oft ums Helfen bei den zahlreichen Aktivitäten an der Schule. Meistens heben viele die Hand, es entsteht selten peinliche Stille. Ich würde mich auf einer Skala von null bis zehn bei Aktivitätsstufe vier verorten, also eher im unteren Drittel. Es sollen nicht immer dieselben ran. Aber in den Klassen meiner Jungs zumindest finde ich die Atmosphäre unter den Eltern angenehm und nicht vorwurfsvoll. Auch
wenn´s oft Überwindung kostet, bin ich doch jedes Mal froh, wenn ich mich engagiert und mitgemacht habe. Beim Köhlern im Wald zum Beispiel oder beim Nachbau des Brandenburger Tores für den Martinsmarkt oder auch einfach beim Gärtnern, um das Schulgelände herum. Über die Jahre lernt man die anderen Eltern sehr gut kennen und es sind mir wichtige Kontakte entstanden.

Ich bin für eine kostenfreie Schulbildung. Will und kann ich überhaupt das Schulgeld bezahlen?

Ich finde die staatliche, kostenfreie Schulbildung wichtig. Der elitäre Dünkel von Privatschulen ist mir fremd. Ich habe mich gefragt, ob ich die Anstrengung der gleichen Bildungschancen für alle unterlaufe, wenn ich aus dem Schulsystem ausschere und dafür auch noch Geld zahle, das uns an anderer Stelle fehlt. Allerdings war unser Sohn unglücklich an der alten Schule und wir brauchten eine Lösung. Zum anderen sind Waldorfschulen kein privates Paralleluniversum. Der Staat deckt immerhin achtzig Prozent der Kosten. Er erkennt damit den Wert der Waldorfschulen an: Ihr Ansatz ist eine Alternative, die Inspiration für andere Schulen sein kann, vieles haben die staatlichen Schulen schon übernommen. Ich bin dankbar für dieses zusätzliche Angebot.